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Überqualifizierte Bewerber: keine voreilige Ablehnung

Überqualifizierte Bewerber: keine voreilige Ablehnung

Personalchefs werden immer wieder mit dem Problem konfrontiert, dass sich auf eine ausgeschriebene Position überqualifizierte Bewerber melden. Ein Reflex der Personaler geht dahin, diese sehr schnell auszusortieren, weil sie nicht zur Stelle passen. Das muss nicht immer der richtige Weg sein. Lesen Sie hier, warum sich im Fall dieser Kandidaten näheres Hinschauen lohnen kann.

Überqualifizierte Bewerber: Bedenken der Personalchefs

Es gibt gegen diese Art von Bewerbern viele berechtigte Bedenken. Der Personaler sieht die Gefahr, dass sie schnell frustriert sind und wieder kündigen. Dafür gibt es Anhaltspunkte:

  • Der Kandidat hat sich womöglich aus Verzweiflung beworben. Aufgrund vieler vorheriger Absagen ist inzwischen bereit, jeden erdenklichen Job anzutreten.
  • Als eingestellter Mitarbeiter dürfte sich dieser Bewerber weiter nach einer passenden Stelle umsehen, die seinen Fähigkeiten entspricht. Wenn er diese findet, kündigt er.
  • Vielleicht hat sich der Kandidat mit der Stellenausschreibung nur ungenügend auseinandergesetzt.
  • Überqualifizierte Mitarbeiter langweilen sich schnell. Sie sind dadurch unzufrieden und stören unter Umständen sogar das Betriebsklima.
  • Mit seinen Fähigkeiten und Erfahrungen würde der Bewerber ohnehin nicht ins Team passen.
  • Wenn dieser überqualifizierte Kandidat eingestellt wird, sägt er vielleicht am Stuhl seines Vorgesetzten.

Diese Befürchtungen sind grundsätzlich berechtigt. Sie verstärken sich, wenn die Bewerbung zu wenig über die Motive des Bewerbers aussagt. Ein Personalchef hat jedes Recht der Welt auf Bedenken gegenüber diesem Kandidaten. Immerhin kostet die Neubesetzung von Stellen viel Zeit und Geld. Der Mitarbeiter muss eingearbeitet werden, das Team wird dadurch einer erheblichen Mehrarbeit ausgesetzt. Das lohnt sich nur, wenn künftigen Mitarbeiter anschließend langfristig im Unternehmen bleiben und sich hier auch weiterentwickeln können.

Warum bewerben sich überqualifizierte Kandidaten?

Diese Bewerber haben verschiedene Motive, die es sich lohnt zu betrachten. Sie sind meistens nur in einem persönlichen Gespräch herauszufinden. Es könnte sein, dass die Einstellung doch ratsam wäre, wenn die Gründe für die Bewerbung an sich unverdächtig sind. Im Prinzip lassen sich drei Typen von überqualifizierten Kandidaten unterscheiden:

  • Tiefstapler: Es gibt Bewerber, denen ihre Überqualifizierung speziell für diesen ausgeschriebenen Job gar nicht bewusst ist. Sie unterschätzen in diesem Fall – oder auch generell – ihre Fähigkeiten und Erfahrungen.
  • Downshifter: Es gibt im Gegensatz dazu Kandidaten, die sehr wohl ihre Qualifikation kennen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, eine Stelle unter ihren Fähigkeiten zu suchen. Dafür kann es sehr differenzierte Gründe geben wie den, dass sie aus privaten Gründen umgezogen und gerade knapp bei Kasse sind. Sie brauchen sehr dringend einen Job und halten das Downshifting für eine probate Möglichkeit, diesen sofort zu finden.
  • Unwissender: Manche Bewerber haben die Stellenbeschreibung falsch interpretiert. Sie glauben, dass die Anforderungen sehr hoch sind und damit ihrer Qualifikation entsprechen, doch das ist ein Irrtum.

Tiefstapler sind eine häufige Sorte in Zeiten grassierender Arbeitslosigkeit. Viele Menschen suchen dann länger nach einem Job, nach einer gewissen Zeit orientieren sie sich dann nach unten. Allmählich verlieren sie das Bewusstsein für ihre tatsächliche Qualifikation, was der zermürbenden Arbeitssuche geschuldet ist. Die vielen Absagen kratzen am Selbstwertgefühl. Es bleibt aus ihrer Sicht kein anderer Weg, als die eigenen Ansprüche herunterzuschrauben. Sie schauen immer häufiger nach weniger anspruchsvollen Stellen. Wenn so ein Bewerber eingestellt wird, legt sich die vorherige Zermürbung rasch. Dann beginnt er sich zu langweilen, weil er eigentlich viel mehr kann. Seine Einstellung kann dennoch interessant sein, weil er viel Know-how mitbringt. Sein Entwicklungspotenzial muss nur rasch ausgeschöpft werden – dann macht er im Unternehmen Karriere.

Wer sich für das Downshifting entschieden hat, ist in der Regel sehr erfahren und dürfte auf der Stelle, wenn er sie erhält, kaum Schaden anrichten. Solche Kollegen wissen genau, worauf sie sich einlassen. Sie können im weiteren Verlauf gute Vorbilder für das Team werden und mit ihren Fähigkeiten dieses voranbringen. Es muss nur im Einstellungsgespräch klar kommuniziert werden, was die Gründe des Kandidaten für diese Bewerbung sind. In einigen Fällen sind solche Fachleute auch ausgebrannt und wissen, dass sie die frühere Leistung nicht mehr bringen können. Auch das wäre nicht tragisch, wenn die angestrebte Position zu ihrem gegenwärtigen Leistungsvermögen passt. Nur zynisch und negativ dürfen sie nicht auftreten, weil sie damit das Betriebsklima stören könnten.

Der Unwissende gilt als der schwierigste Fall, weil die Stelle für ihn voraussichtlich sofort uninteressant wird, wenn man ihm die Anforderungen erklärt und er seinen Irrtum begreift. Viele dieser Kandidaten lassen sich nach dem Vorstellungsgespräch gar nicht einstellen. Es wäre allerdings denkbar, solchen Bewerbern eine andere, höhere Stelle im Unternehmen anzubieten, falls diese gerade frei ist.

Wie sind überqualifizierte Bewerber überhaupt definiert?

Es sind grundsätzlich Bewerber, deren fachliches Know-how und/oder die Berufserfahrungen über den Anforderungen der vakanten Position liegen. Es kann sich um ungeschliffene Diamanten handeln. Daher wäre es falsch, diese Bewerbungen vorschnell auszusortieren.

Eine Prüfung der Motivation solcher Bewerber lohnt sich immer. Auf der anderen Seite sollten Personaler nicht zu große Hoffnungen an solche Kandidaten knüpfen.

Das gibt es nämlich auch: Der Personalchef glaubt, dass ein Mensch mit so viel Können auf jeden Fall ein Gewinn für das Unternehmen sein muss. Er drängt ihn daher, die Stelle anzunehmen. Doch das wäre ebenso verkehrt wie das vorschnelle Aussortieren. Den Begriff der “Überqualifikation” hat nämlich niemand aus einer Laune heraus erfunden, es gibt sie wirklich. Idealerweise üben Berufstätige Jobs aus, die ziemlich genau ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechen.

Über den Autor

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere.